Nachrichten aus der Zukunft

Social Fantasy

Dann roch sie Salz in der Luft – Marschland. Ein Windstoß blähte ihr weites, lumpiges Kleid, und es fror sie an den Beinen. Unter den Füßen spürte sie steinigen Boden. Eine Möwe schrie, und eine zweite irgendwo über ihr antwortete. Luciente löste ihren Griff. „Daheim und frei! Willst du den ganzen Tag mit geschlossenen Augen dastehen? Schau doch!“

Raumschiffe, Wolkenkratzer bis hinauf in die Stratosphäre, eine unterirdische, meilenweit in die Erde hineinreichende Maulwurfswelt, überdacht mit Glaskuppeln? Sie sträubte sich dagegen, diese Welt zu sehen. Stimmen aus der Ferne und ganz in der Nähe, Gelächter, Vögel, viele Vögel, irgendwo Hundegebell. War das … ja, ein Hahn, der da am hellichten Tag krähte! Jetzt riss sie die Augen auf. Ein Hahn? Verstört starrte sie Luciente an, die triumphierend strahlte. „Wo sind wir?“

Ich möchte ein fantastisches Buch vorstellen – fantastisch in jeder Hinsicht: „Frau am Abgrund der Zeit“ von Marge Piercy (Argument-Verlag, 1996).

Auf Seite 79 heißt es weiter:

„Du könntest dich ja mal umschauen! Hier lebe ich.“ Luciente hakte sich bei ihr unter. „Das ist unser Dorf. Wir sind etwa sechshundert Leute hier.“

Sie blickte sich langsam um und sah … einen Fluss, kleine, unauffällige Gebäude, keine Wolkenkratzer, keine Raumflughäfen, kein Verkehrschaos am Himmel. „Bist du sicher, dass wir in die richtige Richtung gereist sind? In die Zukunft?“

Connie, die Hauptperson des Romans, versucht, in den Slums von New York zu überleben. Ihre natürliche Hilfsbereitschaft wird ihr zum Verhängnis, als sie beim Versuch, ihre Nichte vor deren Zuhälter zu beschützen, verprügelt wird und in der Psychiatrie landet. Was sie dort erlebt, ist grauenhaft. Ein Lichtblick in ihrem Elend sind die virtuellen Besuche von Luciente. Die nimmt sie immer wieder mit in die Zukunft, ins Jahr 2137. Dort erlebt sie dörfliches Leben (große Städte haben sich nicht bewährt), ökologische Selbstversorgung mit Lebensmitteln, Energie und allen Bereichen des täglichen Lebens sowie eine hohe Wertschätzung für Schönheit in allen Dingen. Sie erlebt wohlwollende Gemeinschaft und – besonders interessant: freie Liebesbeziehungen und ein offenes Genderkonzept. Das Personalpronomen für alle ist „per“. Mutterschaft ist eine begehrte Aufgabe und betrifft alle.

Einmal landet Connie in einer anderen Zukunft, mitten in Konkurrenz, Zerstörung und Krieg. Dort haben wenige übermächtige Konzerne die Weltherrschaft übernommen und alles, wirklich alles, bis hin zu den Menschen und ihren Beziehungen, ist zur Ware geworden. Ihre, Connies, Gegenwart hat es in der Hand, in welcher Zukunft die Menschen leben werden.

Die Science Fiction-Romane, die ich kenne, toben sich aus in technischen Erfindungen, Entdeckungen im Weltraum und Zeit-Raum-Dimensions-Denkmodellen die ich nur mit Mühe verstehe. Und meistens ist Krieg. „Frau am Abgrund der Zeit“ ist anders. Der Roman ist spannend, hat eine überzeugende Geschichte und lebendige Figuren. Die Psychiatrie-Sequenzen sind bedrückend und düster, aber als das Buch geschrieben wurde, durchaus realistisch (Marge Piercy, Woman on the Edge of Time, 1976). Den Schluss hätte ich mir anders gewünscht, aber passen tut er irgendwie auch. (Der wird jetzt aber nicht verraten.)

Else Laudan, Programmleiterin des Argument-Verlages, schreibt im Vorwort zu einem anderen, ebenso lesenswerten Roman von Marge Piercy:

„Wir glauben, dass intelligente, zornige Ich-will-die-Welt-verändern-Lektüre gebraucht wird. (…) Gesellschaftliche Fragen als gut erzählte Geschichten. Unterhaltung mit Selbstdenkfaktor: subversiv, intelligent, undogmatisch. Literatur als Unruhestifter: Bücher, die Zweifel an kulturellen, moralischen, sozialen Selbstverständlichkeiten wecken, aufrührerische Bücher. Literatur als Widerstand: Bücher gegen Krieg, Faschismus, Diskriminierung, Missbrauch, blinde Ideologie.“ (In: Marge Piercy: Er, Sie und Es, Argument-Verlag 2002)

Ich habe mir immer gewünscht, dass SF-Autor*innen mal spannende Romane schreiben über eine Zukunft, in der interessantere Dinge weiterentwickelt wurden als Raumfahrzeuge und Kriegsgerät. Zum Beispiel menschliche Beziehungen, kreative Konfliktlösungen, Gemeinschaften – auch mit den anderen Wesen, mit denen wir auf der Erde leben.

Wie wär das denn, wenn wir die ganze Energie, das ganze Wissen und Know-How, das die Menschheit aufgeboten hat, um zum Mond zu fliegen, zum Beispiel in die Erforschung und Weiterentwicklung von Träumen und direkter Kommunikation gesteckt hätten? Wenn wir uns über Telepathie verständigen könnten und keine Handys mehr bräuchten? Einen Roman mit einem solchen Zukunftsszenario würde ich gerne mal lesen.

Ein Gedanke zu “Nachrichten aus der Zukunft

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