Zeichnen Zeichnen

ZEICHNEN, der andere Blick

Warum sagen so viele Menschen: „Ich kann nicht zeichnen“? Was passiert eigentlich beim Zeichnen? Und warum zeichnet überhaupt noch jemand, wo man doch Fotos machen kann? Das hab ich mich schon öfter gefragt. Ich bin Zeichnerin und ich zeichne, seitdem ich einen Stift halten kann.

Warum so viele meinen, sie können nicht zeichnen, das kommt, weil sie aufgehört haben. Alle Kinder zeichnen. Zuerst das berühmte Urknäuel. Dann Auge, Auge, Nase, Mund – Gesichter. Dann kommen Beine dran – die Kopffüßler. Das wird dann immer differenzierter. Wunderschöne, ausdrucksstarke Bilder.

Alle Kinder zeichnen. Aber warum hören sie auf? Ich habe beobachtet, dass sie irgendwann, meistens so im 5. – 6. Schuljahr, anfangen zu vergleichen. Sie sehen, dass andere „ähnlicher“ zeichnen. Sie glauben, dass das besser ist und sie wollen das auch können. Und weil sie es nicht hinkriegen – und meistens auch nicht lernen – geben sie auf und zeichnen überhaupt nicht mehr. Das ist schade. Denn man kann es lernen. Jede*r, die/der Schreiben gelernt hat, kann das lernen. Niemand ist in die Schule gekommen, ins erste Schuljahr und hat gesagt: Ich kann nicht schreiben – also kann ich das auch nicht lernen!

Es gibt dazu sehr schöne Übungen in dem Buch „Garantiert zeichnen lernen“ von Betty Edwards, rororo 2000. Es geht dabei um den Künstlerblick.

Wenn man schreiben kann, braucht die Hand nichts mehr zu lernen. Lernen muss das Auge. Und das kann man trainieren. Wir trainieren dabei die rechte Gehirnhälfte. Was bedeutet das?

Menschen haben es auf ganz unterschiedliche Art geschafft, sich auf der Erde zurecht zu finden. Zum Beispiel die Ureinwohner der Südseeinseln. Sie waren – und sind teilweise noch – geniale Segler. Sie hatten keinen Kompass, kein GPS und keine Karten. Trotzdem sind sie tausende Kilometer über den riesigen Ozean gesegelt mit ihren selbst gebauten Schiffen und sind da angekommen, wo sie hinwollten. Aus dem Wind, vielleicht wie der gerochen hat an einem bestimmten Tag, an der Art und Stärke der Wellen, an der Temperatur, an werweißwasnoch allem haben sie gewusst, wie sie fahren mussten und ob es heute vielleicht besser war, zuhause zu bleiben.

Das ist ein ganz anderes Wissen als die Technik, die die westliche Welt entwickelt hat, um übers Meer zu kommen. Das Berechnen und Messen, was wir so gut können, das machen wir, nach dem Hemisphärenmodell, mit der linken Gehirnhälfte. Sie arbeitet eher symbolisch, rational, linear, logisch, abstrakt, analytisch. Die Sprache hat hier ihren Hauptsitz.

Die rechte Gehirnhälfte dagegen denkt eher konkret, ganzheitlich, in Bildern, musisch, kreativ, intuitiv, zeitlos, räumlich, emotional und körperorientiert. Blitzschnell, in Sekundenbruchteilen erkennt sie das Gesicht deiner Freundin in einer Menschenmenge.

Diese Art zu erkennen und zu denken, die rechte Gehirnhälfte, wird in unserer Kultur wenig bzw. gar nicht trainiert. In der Schule übst du fast ausschließlich logisches Denken, Analysieren und Einordnen in Muster.

Fürs Zeichnen brauchen wir die andere, die rechte Gehirnhälfte. Das Video zeigt erste Übungen für den anderen Blick. Es geht darum zu zeichnen, was man sieht und nicht, was man weiß. Formen und Linien zu sehen statt Dinge, die wir kennen und für die wir uns auf Namen geeinigt haben. Diesen „Künstlerblick“ kann man üben und lernen.

Eins ist mir ganz wichtig:

Wenn ihr mit Kindern malt und zeichnet, BITTE versucht AUF KEINEN FALL, ihnen das sogenannte „realistische“ Zeichnen beizubringen – solange sie nicht von sich aus danach fragen und frustriert sind, weil sie es unbedingt können wollen. Die Intensität und Ausdruckskraft von Kinderzeichnungen ist etwas ganz Besonderes.

Picasso hat mal gesagt:

Als ich alt war, konnte ich malen wie Raphael. Aber ich brauchte ein Leben lang um so zu malen wie die Kinder.“

Was passiert, wenn wir mit dem Künstlerblick zeichnen?

Wenn wir Zwischenräume zeichnen statt Finger und Fingernägel, gucken wir ganz anders. Die Form der Zwischenräume ist einmalig. Es gibt keinen Namen, kein Wort dafür. Um sie abzeichnen zu können, müssen wir anders sehen und denken. Wir denken nicht mehr „Fingernagel“, „Daumen“, „Finger“, wir denken nicht in den Begriffen, die wir gelernt haben, in Wörtern und Symbolen, auf die die Menschen sich geeinigt haben.

Wenn wir so zeichnen, sehen und denken wir selber, einmalig, konkret, ganzheitlich, anders.

Und wofür ist das gut?

Na, wofür ist Selber-Denken und Anders-Denken wohl gut?!

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