Pilgerreise

Ich dachte, ich wär ganz gut in Form. Schließlich hatte ich trainiert. Schnelles Gehen jeden Tag mindestens eine Viertelstunde, einmal in der Woche zwei Stunden: das war die Empfehlung der Reiseleiter. Und dann ging es stundenlang bergauf. Immer wieder musste ich stehen bleiben, weil ich außer Atem war. Unsere Schweizer Bergführerin hat mich gerettet. Dank ihrer sensiblen Hilfe ist diese Reise für mich zu einer ganz besonderen Reise geworden.

Eine Freundin hatte mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ein paar Freunden den Kailash zu umwandern, den heiligen Berg für vier Religionen. Sie suchten noch Mitreisende, dann werde es für jeden billiger. Es sollte eine buddhistische Pilgerfahrt sein. Aber man müsse ja nicht meditieren. In Tibet wandern – das wollte ich immer schon mal. Und so landeten wir eines Abends in Kathmandu.

Der große Stupa von Bodnath ist Heiligtum und Pilgerziel von vier Weltreligionen. Pilger aus der ganzen Welt umrunden ihn den ganzen Tag im Uhrzeigersinn. Während wir auf unsere Visa für Tibet warten, machen meine Freundin und ich einen Ausflug in die Shivapuri-Berge. Am bewachten Eingang zum Naturreservat geht es zu Fuß weiter. Kathmandu liegt schon 1300m hoch. Von da aus geht es noch höher. Ich möchte eine Pause machen. Meine Freundin will weiter. Sie macht sich Sorgen, dass ich die Wanderung um den Kailash nicht schaffe.

Wir kommen am Nonnenkloster Nagi Gompa an. Meine Freundin will noch weiter hoch. Ich bin sehr erschöpft und bleibe beim Kloster. Nach dem Picknick suche ich einen Platz, wo ich mich hinlegen kann. Das Buschgelände ist zu steil und der freie Platz ist mir zu öffentlich. Im Tempel sitzen Nonnen und beten laut, vor sich längliche Papierstreifen. Hinten liegen Matten auf dem Boden. Ich setze mich. Ich lege mich hin und schlafe sofort ein. Es ist nur ein kurzer Moment, aber ich erwache vollkommen erfrischt. Lange sitze ich vor der großen Tara-Figur. Sie ist wunderschön. Sie schaut mich an. Sie sagt: Wie schön du bist.

Die Chinesen geben keine Visa für Tibet aus. Es haben sich mal wieder zwei Mönche verbrannt und ausländische Touristen sind nicht erwünscht. Wir beschließen, in ein hoch gelegenes Tal zu wandern, das zwar nicht ganz so heilig ist wie der Kailash, wo es aber auch viele Klöster, Tempel und heilige Höhlen gibt. Weil es so schwer zugänglich und abgelegen ist, wurden in diesem Tal in Zeiten der Verfolgung buddhistische Schriften und Gegenstände in Sicherheit gebracht. In der Zeit der chinesischen Kulturrevolution haben sich Mönche hier versteckt. Wir sind neun Reiseteilnehmer*innen, Träger und Köche. Alles muss im Kleinbus mitgenommen werden. Mehl, Reis, sogar Eier. Kerosin. Gemüse und Brennholz gibt es oben in den Bergen.

Es geht bergauf. Immer wenn es eng wird, stellt sich der Träger in die Tür und gibt Klopfzeichen, was noch geht.Es wird immer steiler und enger. Und dann kommt auch noch ein Bus entgegen.

Im letzten Moment wischt ein Roller zwischen den rangierenden Bussen durch. Niemand regt sich auf. Es ist unglaublich. Sie fahren, wie man sich in einer Menschenmenge zu Fuß bewegt. Intuitiv. Blitzschnell verständigt man sich mit Blicken und Handzeichen.

In einem größeren Ort machen wir Rast. Wir brauchen zusätzliche Träger. Unser Bergführer verschwindet im Ort. Hier hat er immer junge Männer gefunden, die gern mitkamen. Nach Stunden kommt er zurück. Er hat keine Träger gefunden: die Männer sind alle in den Bergen, um Raupenpilze zu sammeln, eine Wundermedizin für die Chinesen. Für ein Kilo Raupenpilze bezahlt man in Hongkong 40.000 Euro. Für zwei Stück bekommen die Männer hier so viel wie für einen Tag Arbeit im Straßenbau.

Das Tal liegt in einem Naturreservat. Am Eingang müssen wir uns im Büro persönlich vorstellen, genau angeben, wann wir wo wie lange bleiben, bestätigen, dass wir die Regeln kennen, die Pässe zeigen, bezahlen.

Plötzlich bremst unser Bus. Zwei Männer am Straßenrand. Unser Bergführer und die Träger verhandeln mit ihnen: Die Männer kommen mit.

Ich brauche Bewegung nach der zehnstündigen Busfahrt und laufe durchs Dorf. Auf der anderen Seite des Flusses haben die Chinesen angefangen, eine Straße zu bauen. Sie soll das Tal hoch über den Pass nach Tibet führen. Es ist eine brutale Wunde in der abgeschiedenen Landschaft, andererseits: wenn es oben im Tal eine schwierige Geburt gibt und der Helikopter wegen Nebel nicht landen kann, werden vielleicht einige froh sein über die Straße. Sie bauen ein riesiges Wasserkraftwerk. Das Dorf wird im Stausee verschwinden. Hier wird nichts bleiben, wie es war.

Früh am nächsten Morgen brechen wir auf. Von hier geht es zu Fuß weiter. Eine Gruppe Tunnelarbeiter kommt uns entgegen. Sie sehen furchtbar müde aus, aber sie bleiben stehen und freuen sich, als wir fragen, ob wir fotografieren dürfen.

Das Tal wird immer enger. Es geht bergauf. Es wird steiler. Ich bin die letzte. Bleibe immer wieder stehen, um zu fotografieren. Aber auch, weil mir die Luft ausgeht. Unsere Bergführerin wartet auf mich. Sie fragt, ob sie mir einen Rat geben darf. Ich soll langsamer gehen. Und es geht viel besser. Zehn Stunden Aufstieg haben wir heute vor uns. Vorher gibt es keine ebene Stelle, die groß genug ist für unsere Zelte.

Das Wasser hat eine unglaubliche Wucht. Wir sollen es auf keinen Fall unabgekocht trinken. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass da oben noch so viel mehr sein soll, was das Wasser verschmutzen könnte. Aber es geht noch sehr viel höher, da ist noch sehr viel mehr. Menschen, Tiere, Dörfer. Später erfahre ich, dass man hier auch die Wasserbestattung praktiziert.

Auf einer offenen, einigermaßen ebenen Lichtung haben die Träger unsere Zelte aufgebaut. Sie zaubern ein warmes Abendessen. Es ist unglaublich, was für Gewichte sie schleppen. Sie können mit ihrer Last nicht vom Boden aufstehen, brauchen Hilfe oder einen Felsvorsprung. Sie tragen die Last nicht mit den Muskeln, sondern mit dem Knochengerüst. Einer läuft den ganzen steilen, steinigen Weg in Plastiklatschen. Meine Freundin schenkt ihm ihr Ersatzpaar Bergschuhe. Er packt sie weg, will sie wohl verkaufen.

Die zwei am Straßenrand angeheuerten Träger kommen nicht. Einer der anderen hat mitbekommen, dass sie unser Gepäck unterwegs abgelegt haben. Der Weg wurde ihnen wohl zu schwierig und sie sind umgekehrt. Unser Bergführer und zwei Träger gehen zurück, um das restliche Gepäck zu holen. Wir machen uns Sorgen, weil es bald dunkel wird. Diese schwierige Strecke mit Taschenlampen? Wir können nichts tun als warten.

Auf der anderen Seite des Flusses gibt es ein besonderes Heiligtum: das „Ohr des Milarepa“. Zur Zeit sind keine Mönche oder Nonnen da. Pilger aus der ganzen Welt kommen in dieses Tal, um in der Einsamkeit zu meditieren. Wir trafen einen russischen und einen brasilianischen Mönch und eine amerikanische Nonne. Sie leben in Höhlen und meditieren. Oft jahrelang.

Hoch oben unter einem Felsüberhang hängen merkwürdige ovale Gebilde in allen Bernstein-Farben von weiß/gelb bis braun: Waben von wilden Bienen. Unser Bergführer erzählt, die Männer steigen auf lange Leitern um den Honig zu. In der Zeit der Rhododendronblüte dürften sie keinen Honig essen, weil in dessen Honig berauschende Stoffe seien und das auf den meterlangen Leitern gefährlich werden kann.

Spät in der Nacht: Stimmen und Lichter vonTaschenlampen. Die Männer sind heil zurück.

Am nächsten Tag wird es noch steiler. Jetzt gehe ich schon so langsam und trotzdem muss ich wieder öfter verschnaufen. Ich bleibe ein ganzes Stück hinter den anderen zurück. Die aufmerksame Bergführerin hat es bemerkt und fragt, ob es okay ist, wenn sie mir noch mal was sagt. Ich soll noch langsamer gehen, in Zeitlupe, so langsam, wie ich kann. So langsam, dass ich nicht mehr stehen bleiben muss. Sie macht mit mir eine gaaanz langsame Geh-Meditation. Und – es funktioniert! Ich konzentriere mich ganz auf meinen Atem und muss nicht mehr stehen bleiben, auch wenn es sehr lange sehr steil wird. Es geht sich immer leichter. Das Schöne daran, die Letzte zu sein: Ich werde immer besonders freudig – und erleichtert? – begrüßt, wenn ich dann endlich ankomme.

Wir durchqueren das Winterdorf. Im Frühjahr ziehen die Bewohner das Tal hoch ins Sommerdorf.

Heute werden wir den vorgesehenen Zeltplatz nicht erreichen, weil zwei Träger fehlen und andere den Weg doppelt machen müssen. Aber was sich unsere

Ich biege um einen Felsen und da ist unser „Zeltplatz“. Die Zelte stehen mitten auf dem Weg. In einer offenen Höhle wird die Küche und der Schlafplatz der Träger eingerichtet. Es gibt Pfannkuchen. Der Felsüberhang verstärkt das Donnern des Flusses. Selten habe ich so gut geschlafen.

Am nächsten Morgen: eine verzauberte Landschaft im Nebel. Ich freue mich aufs Gehen und auf die neu entdeckte Langsamkeit. Heute kommen zwei Herausforderungen dazu. Die erste sind die Anderen. Ich werde überholt, überhole selber, sehe immer wieder mal eine*n aus der Gruppe. Trotzdem bei meinem Tempo zu bleiben, mich weder hetzen noch bremsen zu lassen fällt mir schwer. Ich konzentriere mich immer wieder neu und versuche, in meinem Rhythmus zu bleiben.

Die zweite Herausforderung ist größer und ich brauche mehr als einen Tag, ihr beizukommen. Habe auch später immer wieder „Rückfälle“. Es sind die Melodien. In meinem Kopf ist immer irgendwelche Musik. Immer. Manchmal verfolgt mich ein Lied tage- und nächtelang. Nun sind dies alles europäische Lieder, in europäischem Rhythmus. Marschmusik. Wenn ich jetzt wegen der Steigung so langsam gehen muss, passt sich automatisch der Rhythmus der Melodien an meine Schritte an – und sie stimmen nicht mehr, sie funktionieren so langsam einfach nicht. Abschalten kann ich das nicht, ignorieren auch nicht. Ich versuchs mit den Mantras, die ich vom Yoga kenne. Und: Es klappt! Es sind Melodien ohne starren Takt. Man kann sie ziehen und dehnen und sie verlieren nichts von ihrer Schönheit.

Vor einer winzigen Hütte treffen wir den Wasserwärter mit seinem kleinen Sohn. Er ist im Auftrag der Naturschutzbehörde unterwegs, nimmt Wasserproben und macht verschiedene Messungen. Unser Bergführer erteilt mir eine Lektion. Als wir bei der Hütte ankommen, bitte ich ihn zu fragen, ob ich ein Foto machen darf. Der Bergführer: zuerst wird geredet. Wir werden zum Tee eingeladen.

Durch den Nebelwald kommen wir zu dem Zeltplatz, der eigentlich für den Vortag vorgesehen war. Nur zwei Eier sind angedötscht. Wir machen ein großes Feuer gegen die Mücken.

Am nächsten Tag: ein Feenwald. Und dann, hoch oben zwischen den Wolken, unser Ziel: das Kloster. Als wir ankommen, steht ein kreisrunder Regenbogen direkt über uns. Hier werden wir neun Tage bleiben und Touren machen in die Umgebung. Unser Zeltplatz ist ein großer freie Platz außerhalb der Klostermauern. Die Träger haben unsere Zelte, das Essenszelt, das Toilettenzelt und das Vorrats- und Schlafzelt der Träger schon aufgebaut.

Das vegetarische Essen ist abwechslungsreich und lecker. Einmal haben sie auf dem offenen Feuer sogar einen Kuchen gebacken: der Teig kommt in einen kleinen Topf und auf drei Steine in einen größeren Topf. Deckel drauf und aufs Feuer: ein Backofen.

Die Frauen und Kinder besuchen uns bei den Zelten. Die Männer beobachten aus der Ferne. Um das Kloster herum wohnen die Alten, die die mühsame Wanderung zwischen Winter- und Sommerdorf zweimal im Jahr nicht mehr mitmachen können, der Maler und die Hebamme. Wir werden ausgefragt. Die Hebamme spricht Englisch und übersetzt. Wir werden von der Hebamme und ihrem Mann, dem Maler, zum Buttertee eingeladen. Das Haus besteht aus zwei Räumen. Was für die Engländer die Milch ist im Tee, ist hier die Butter. Sie ist haltbarer als Milch. Entgegen dem Gerücht ist sie nicht aus Prinzip „ranzig“, sondern man trinkt sie auch dann noch, wenn sie nach unserem Geschmack nicht mehr gut ist. Weil sie so wertvoll ist.

Eine Bewohnerin hat ihre Tochter aus New York zu Besuch. Sie arbeitet dort als Es gibt eine zentrale Wasserstelle, gespeist von einer Bergquelle. Abenteuerlich über dem Abgrund hängen winzige Gärten. Aus einer Lehmkuhle wird der Verputz gewonnen. Dahinter, geschützt unter dem Felsen, ist die Zimmerwerkstatt eingerichtet. Strom gibt es nur, wenn die Sonne geschienen hat. Meistens ist es bedeckt. Aber es gibt ein Telefon, in einem kleinen Laden innerhalb der Klostermauern. Natürlich gibt es eine heilige Höhle.

Mindestens einmal am Tag wird das Kloster umrundet.

Es leben nur noch wenige Mönche hier. An hohen Feiertagen kommen oft berühmte Rinpoches zu Besuch. Ein Fest wird gefeiert. Das ganze Dorf ist versammelt. Es gibt Reis-Bier. Wir sind zum Essen eingeladen in der Klosterküche. Die Männer haben gekocht. Es gibt mehrere Gerichte, Fleisch, Gemüse, Reis. Man sitzt ringsum an den Wänden und bedient sich am Herd in der Mitte des Raumes. Laufend wird Buttertee nachgeschenkt.

Wir machen Tagestouren in die Umgebung. Es geht steil rauf. Unser Ziel: Ein Tempel und ein winziges Kloster, in den Felsen gebaut. Der Retreat- Master der Höhlen zeigt uns den Fußabdruck von Milarepa. Tief unter uns liegt winzig klein das Kloster. Unser Ziel ist ein Höhlentempel mit einem winzigen Kloster.

Am Tag darauf steigen wir in ein anderes Tal hoch.. Die heutige Tour führt uns durch das Sommerdorf. Im Dorftempel liegt ein Felsen mit dem Hufabdruck des Esels von Milarepa, als sie beide (!) in den Himmel aufstiegen. Die Gärten werden vorbereitet. Der Winter ist gerade erst vorbei.

Wir steigen höher. Die Vegetation wird spärlicher. Hier oben, oberhalb des Sommerdorfes, leben Halbnomaden mit ihren Yaks. Im Sommer ziehen sie mit ihren Tieren umher, im Winter leben sie weiter unten im Tal. Die Kälber sind bei den Kühen. Wenn sie getrunken haben, wird nachgemolken. Die Kälber werden nachts reingeholt ins Zelt. Es gibt Schneeleoparden hier. Die Menschen schlafen mit den Tieren unter einem Dach.

Unser Ziel ist eine „heilige Höhle“ weiter oben, wo einer von uns die Nacht verbracht hat, ohne Schlafsack. Die Kälte habe ihm nichts ausgemacht, sagt er. Es gebe Meditationstechniken, mit denen man das Frieren überwinden könne. Nur als ein Mönch ihn besucht und sie lange geredet hätten, sei ihm kalt geworden.

Unsere letzte Tour führt uns in ein hoch gelegenes Seitental. Wir lassen das Sommerdorf rechts liegen und überqueren den grünen Fluss. Wir steigen höher. Die Landschaft verändert sich.Und dann lichtet sich der Nebel und ich bekomme einen Zipfel vom Ausläufer des Gletschers zu sehen.

Am nächsten Tag brechen wir auf. Alles ist gepackt. Die Träger sind übermütig, die Jüngeren machen Quatsch und freuen sich wohl, bald wieder zuhause zu sein. Wir verabschieden uns von den Dorfbewohnern. Ein wichtiges Fest steht bevor. Alle sind mit Vorbereitungen beschäftigt. Hoher Besuch wird erwartet. Wir gehen den Berg runter, zur Brücke. – Und: da ist keine Brücke. Auf der anderen Seite stehen die Männer. Es wird palavert. Hin und her über den Fluss. Eher geschrien. Alle wussten, dass wir heute abreisen. Unser Bergführer ist sauer. Besonders, weil die Männer wohl nicht sehr kooperativ sind. Nichts zu machen, die Brücke ist nun mal abgerissen. Sie soll für den hohen Gast erneuert werden. Es git keinen anderen Weg über den reißenden Fluss. Die Männer drüben machen in aller Ruhe Pause und gehen wieder weg, um Baumstämme zu holen. Irgendwie wundere ich mich nicht. Sie haben sicherlich einen Grund dafür, uns zu zeigen: Ohne uns geht gar nichts. Unsere Träger haben die Ruhe weg. Es ist abzusehen, dass die Brücke so bald nicht fertig wird. Wir beschließen, die Nacht im Nonnenkloster unten im Dreieck zwischen den beiden Flüssen zu verbringen. Das größte der Häuser ist gerade frei.

Die Brücken halten nur durch das Gewicht der Steine auf den Enden.

Der Platz soll ein besonderer heiliger Ort sein. Und es ist wirklich ein besonderer Ort. Es herrscht eine ganz eigene, sanfte Stimmung.

Am nächsten Morgen steht die neue Brücke. Wir steigen ab ins Tal. Jetzt nach den Regenfällen ist der Fluss noch reißender. Beim Abstieg müssen wir nur einmal übernachten, wir brauchen zwei Tage statt vier. Auf dem Platz beim Ohr des Milarepa steht das Grün jetzt über kniehoch. Diesmal übernachten wir auf der anderen Seite des Flusses, nutzen auch die Häuser. Der Fluss ist jetzt so wild und so hoch, dass ich mich zuerst nicht auf die Brücke traue. Ich starre auf das gegenüber liegende Ufer, gehe los und hoffe, nicht zwischen die Planken zu treten.

Beim Winterdorf steht ein Bergpfeffer-Baum. Alles, aber auch alles ist dicht mit fiesen Stacheln besetzt: Stamm, Äste, Blätter, Früchte. Alles ist unglaublich gewachsen in der Zwischenzeit. Es gibt Brennnesseln mit Blättern so groß wie zwei Männerhände. Sie stechen durch die Hose.

Wir überqueren die lange Drahtseil-Hängebrücke. Das Wasser steht jetzt so hoch, dass sie fast im Wasser hängt. Die Baustelle der Chinesen ist nach der Zeit oben in den Bergen eine noch brutalere Wunde in der Landschaft.

Das Haus im Dorf, wo wir schlafen sollen, ist voll. Ein Dutzend Männer sitzt im Wohnraum. Sie sind vom Sammeln der Raupenpilze zurück. Sie hatten wohl eine besonders gute Ernte. Nach langen, schwierigen Verhandlungen bekommen wir dann doch noch unsere Schlafplätze. Abends wird gefeiert. Mit der Dame des Hauses singen, lachen und erzählen sie die halbe Nacht. Meistens erzählt sie. Und führt die Gesänge an. Nach der Art des Gelächters müssen es ganz schön saftige Lieder sein.

Am nächsten Morgen brechen wir auf. Unser Bus kommt an. Einmal versperrt ein Bergrutsch die Straße. Das dauert. Aber niemand regt sich auf. Eine Weile später hält unser Bus wieder. Ein Lastwagen vor uns hat eine Panne, wir kommen nicht daran vorbei. Gegenüber stauen sich drei Lastwagen. Vier Männer hocken neben dem Wagen. Unser Fahrer schafft es schließlich, den Lastwagen wieder ans Laufen zu bringen.

Kathmandu ist ein Schock. Der Lärm, der Verkehr. Die Enge. Die vielen Menschen. Auf den Stufen vor einer Bank liegt ein Mann. Die Polizisten stehen daneben. Als es anfängt zu regnen, legt jemand ihm eine Decke über. Dann ist es Zeit, Abschied zu nehmen, von Katmandu und Nepal.

Diese Reise hat mein Leben verändert. Die Geschichte mit dem Gehen ging viel tiefer als ich dachte. Es war nicht nur die Aufmerksamkeit für meinen Körper und den Atem. Es ging nicht nur darum, den eigenen Rhythmus zu finden. Es ging auch um mein Selbstbild, um Grundsätze und Wertungen. Wie man zu sein hat: groß und stark, immer die erste, und wie man als Künstlerin zu sein hat. Das alles los zu werden, durch eine körperliche Erfahrung, das hat einen Schalter umgelegt. Das Verrückte ist: Es wirkt weiter! Ich bin zurück, zuhause, in Deutschland, in Köln, und ich merke auf einmal: Ich lasse mich nicht mehr hetzen! Die Stimme, die immer, immer in meinem Hinterkopf gemeckert hat: Wann willst du denn damit fertig werden, wenn du so lange für eine Zeichnung brauchst? Und müsstest du denn eigentlich jetzt nicht… ist es nicht wirklich wichtiger… Erst-die-Arbeit-dann-das-Spiel… Diese Stimme ist weg! Und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Ich nehme mir Zeit. Für alles, was ich tue. Je bewusster mir die Begrenztheit meiner Zeit wird, umso mehr Zeit lasse ich mir.

Und dann stehe ich beim Fischmann auf dem Markt und stelle fest, dass ich auf einmal dabei bin bei den witzigen Dialogen, die da hin- und herfliegen zwischen dem Fischmann und seinen kölschenKunden. Und siehe da: ich falle nicht tot um! Mir fällt sogar manchmal was Witziges ein.

Und so ist es doch noch eine Pilgerreise geworden.

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