Von stolzen Kühen und Hinterwäldlern

Wenn wir nicht gerade Veganer sind, essen wir gern mal ein Stück Käse. Auch mal ein Steak. Wir nehmen Milch in den Kaffee und rühren Joghurt ins Müsli. Soll ja gesund sein.

Aber wollen wir wirklich für ein bisschen Käse den Kühen ihre Kälber wegnehmen? Dass die dann tagelang schreien? Beide – Kuh und Kalb? Wollen wir, dass die Kälber stundenlang auf der Autobahn durch halb Europa transportiert werden? Anja Hradetzky macht es anders. Sie hat mich mitgenommen zum Melken auf der Weide im Nationalpark Unteres Odertal.

Hier grasen die Mutterkühe mit ihren Kälbern zusammen. Die Kälber bleiben bei der Kuh, bis sie sich selbst mit Gras versorgen können. Auch danach können sie sich sehen und am Zaun treffen. Sie haben viel Platz, auf den großen Weiden können sie sich das Grünzeug suchen, das ihnen schmeckt und das sie brauchen. Auch die Bullen sind draußen, auf einer anderen Weide – meistens. Als wir ankommen, haben die Kühe uns schon gesehen und kommen aus allen Richtungen zum Melkstand und stellen sich an. Einige werden von Anja abgeholt. Aufrecht und bestimmt geht sie seitlich von hinten an die Kuh heran und geht einfach hinter ihr her. „Treiben“ kann man das gar nicht nennen, so selbstverständlich und gelassen passiert das. Wie das geht mit dem „Kuh-Flüstern“ („Low-Stress-Stockmanship“), beschreibt Anja eindrucksvoll in ihrem Buch „Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Land und Geld zur Biobäuerin wurde“ (Dumont 2019).

Erst nach einer Weile bemerke ich, dass auch der Bulle in der Herde ist. Er ist so friedlich wie die Kühe und wartet brav, bis sein heutiger Schwarm aus dem Melkstand wieder herauskommt.

Diese Art der kuhgebundenen Kälberaufzucht entspricht dem Wesen der Kuh. Anja Hradetzky spricht von der Würde der Tiere. Sie macht vieles anders als es in der Massentierhaltung üblich ist. Sie hat in Stolzenhagen mit ihrem Mann den Milchviehbetrieb „Stolze Kuh“ gegründet, mit Hofkäserei und Direktvermarktung.

Was sie anders machen:

  • Wesensgemäße Tierhaltung auf Naturschutzflächen – auch ein Beitrag zum Landschaftssschutz
  • Alte, robuste, der Umgebung angepasste Rassen – auch als Beitrag zum Diversitätserhalt des Genpools
  • Produktionskette in einer Hand, von der Zucht bis zum Verkauf, in der Folge keine oder kurze Transportwege – ein Beitrag zum Klimaschutz
  • Regionale Vermarktung – wirtschaftliche Stärkung der Region
  • Handwerkliche Milchverarbeitung – Stärkung des Handwerks, Arbeitsplätze, Vielfalt

Ein Milchviehbetrieb wie die „Stolze Kuh“ leistet mehr als die Herstellung von Milchprodukten. Landschaftserhalt, Erhalt alter Tierrassen, Beitrag zum Klimaschutz, regionale wirtschaftliche Entwicklung, Stärkung von Handwerk und Vielfalt – das alles sind Leistungen, die der Allgemeinheit zugute kommen. Ich finde, die Gemeinschaft muss das mittragen und entsprechend vergüten. Das ist kein Privatinteresse von Menschen, die es sich leisten können, Bioprodukte zu kaufen, das ist unsere politische Verantwortung.

Gerade sprechen alle vom Schlachthof-Skandal. Bevor wir zum Melken fahren, muss Anja Hradetzky noch zum Metzger. Das Schlachten gehört dazu. Anja holt Fleisch ab von einer Kuh, die geschlachtet werden musste. Sie ist bei ihr geblieben beim Schlachten. Anja Hradetzky: „Ich habe die Verantwortung bis zum Schluss.“

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